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Finanzalchimisten am Werk

Impressum: Autor ist André Kohler, Mitglied der Geschäftsleitung von B+B Vorsorge AG in Thalwil. Artikel in spn - Schweizer Pensions- und Investmentnachrichten, 7. Juni 2011.

"So einfach wie möglich, aber nicht einfacher" war Einsteins Devise. Dieses Risikoverständnis hätte nicht nur die Fälle von Tschernobyl und Fukushima verhindert.

Vor 60 Jahren merkte Markowitz, dass Anleger Ertrag lieben, nicht aber dessen Schwankung. Mit Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung zahlenmässig fassbar gemacht, wurde daraus die klassische Risikodefinition für Kapitalanlagen: Volatilität. Seither sagen Finanzalchimisten die Zukunft des Finanzmarktes so einfach wie realitätsfremd mit zwei Variablen, dem erwarteten, mittleren Ertrag und seiner Volatilität vorher und heizen mit diesem Brennstoff ihre Produkteküchen.

Die Brennstoffanalyse zeigt, dass Finanzzeitreihen die Voraussetzungen für die Anwendung von Mittelwert und Varianz nicht erfüllen, dass sich die Zukunft nicht durch zwei Faktoren erschliesst. Das Risikomanagement der klassischen Finanzmarkttheorie ist lediglich methodisch defizitäre, manipulationsanfällige Schwankungsverwaltung. Seine Schlüsselgrösse, das Korrelationsverhältnis zwischen Kapitalanlagen, ist nicht die Basis für Risiko-, sondern nur für untaugliche Schwankungsdiversifikation. Das klassische Risikomodell heisst Preisgabe von Ertrag zugunsten modellierter, im Bedarfsfall nicht vorhandener Schwankungsglättung.

Folge: Mangelhafte Produkte und noch mehr falsche Theorie und Praxis. So liest man etwa erstaunt, dass der globale Anstieg der Korrelationswerte der Hauptgrund für die Underperformance des Stock Pickings sei. Deswegen müsse man passiv investieren. Das Argument ist so bedenklich wie die Folgerung.

Fazit: Enttäuschung. Kosten ohne Gegenleistung lösen systematische, irreversible Ertragserosion, aus, welche das wirkliche Risiko einer Kapitalanlage ist.

Qualitativ lässt sich diese Risikopraxis durchaus mit der Bestückung altersschwacher Atommeiler in notorischen Erdbebenzonen mit giftigstem Brennstoff vergleichen. Der GAU ist in beiden Fällen ein unkontrollierbarer Prozess. Der Unterschied: Nukleare Kernschmelzen sind stets die Folge menschlicher Nachlässigkeit im Umgang mit an sich tauglicher Technik. Finanzielle Kernschmelzen sind dagegen die Folge vorsätzlicher Verwendung bekanntermassen untauglicher Technik. Der Fallout in Form von Inflation, Währungszerfall, Haircuts und Totalabschreibern sollte Grund genug sein, sie endlich fachmännisch zu entsorgen.

Echte Risikodiversifikation funktioniert übrigens noch immer wie in den 6000 Jahren vor Markowitz: Das Kapital ist gleichmässig auf so viele Investments aufzuteilen, dass Abschreiber den Anlagezweck nicht gefährden können. Abschreiber werden durch gekonnte Selektion vermieden.

 

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