Das Wagnis Pensionskasse unter Stresstest
Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in stocks.ch (Experten-Kolumne), 26. August 2011. Download Artikel von stocks.ch.
Arbeitnehmer speichern in Vorsorgeeinrichtungen Teile ihres Einkommens für ihre künftige Altersrente. Sie laufen dabei Gefahr, dass die Kaufkraft ihrer Ersparnisse schwindet. Ihre Pensionskassen tragen das überragende Risiko, die notwendigen Erträge nicht liefern zu können.
Pensionskassen müssen aufeinander folgenden Generationen lebenslang fliessende Renten bereitstellen, welche die Kaufkraft der individuell einbezahlten Beiträge wahren. Dazu müssen sie genügend Ertrag generieren und gleichzeitig unterschiedliche Start- und Teilnahmebedingungen der Leistungsbezüger ausgleichen. Die Erträge der Aktiven müssen den Mitgliedern (aktive Arbeitnehmer und Rentner) auf der Passivseite Zinsgutschriften erlauben, welche die langfristige Entwicklung der Wirtschaft abbilden, mindestens aber die Teuerung abdecken. Die auf eine ferne Zukunft ausgerichtete Anlagetätigkeit der Pensionskassen und die Verteilung der Vermögen sind anspruchsvoll und verlangen ein hoch professionelles Risikomanagement auf allen Ebenen.
Die Lokalisierung, Bewertung und Einordnung der Risiken sowie ihre Steuerung und Kontrolle bestimmen den Erfolg oder Misserfolg von Pensionskassen. Grösste Gefahr droht den Versicherten durch Kaufkraftverluste ihrer Sparkapitalien während individuellen Ansparphasen von 40 Jahren und Rentenphasen von 20 Jahren oder länger. Die Wahrung eines hohen (Netto-)Ertragspotentials (über der allgemeinen Teuerung) muss demnach jede Risikosteuerung bestimmen. Genügend interne Zinsgutschriften und eine gerechte individuelle Leistungszuordnung sind nur mit hohen Erträgen möglich, die zudem verteilbar sind. Zu niedrige Erträge und zu hohe, nicht versicherungstechnisch begründete Reserven schmälern die Leistungen generell und bilden das hauptsächliche Risiko der Versicherten von Pensionskassen.
Das globale, langfristige Ertragspotential der Basisanlagen beträgt bei einer historisch durchschnittlichen Teuerung von 3% rund 8% für Aktien, 6% für Immobilien und 4% für Obligationen. Die zunehmenden Renditen sind mit zunehmenden Volatilitäten der Anlagevehikel verbunden, d.h. Pensionskassen können ihren Zweck mit hohen Renditen nur erreichen, wenn sie Marktschwankungen absorbieren bzw. überbrücken können. Der (hilflose) Versuch Marktschwankungen zu vermeiden endet notgedrungen bei niedrigen Erträgen und hohen (Absicherungs-)Kosten. Statt dessen müssen Pensionskassen Bewegungen auf der Aktivseite leben und diese intern im Hinblick auf eine konstante Leistungserbringung mit realistischen technischen Zins- und Umwandlungssätzen glätten. Ein adaequates Risikomanagement vermittelt somit, bei gegebenem Leistungsziel, den geplanten Umgang mit Vermögensschwankungen.
Das Pensionskassenvermögen hat in der Schweiz Ende 2009 725 Mrd Franken betragen. 29,4 Mrd Franken Leistungen standen 44,8 Mrd Franken Beiträge gegenüber. Der finanzielle Nettozufluss in die berufliche Vorsorge ist seit 2004 von 9,7 Mrd auf 15,4 Mrd Franken angestiegen und weiterhin zunehmend, d.h. bis auf weiteres muss in der 2. Säule weder auf die Anlagesubstanz noch auf die Anlageerträge zurückgegriffen werden. Aus makroökonomischer Sicht besteht somit kein Anlass, allfällige Unterdeckungen einzelner Kassen zu realisieren. Temporäre Vermögensschwankungen haben keinen Einfluss auf die allgemeine Leistungsfähigkeit, solange dagegen keine teuren, Wert mindernde Aktivitäten, wie Hedging oder Strategieänderungen, umgesetzt werden. Pensionskassen haben alle Möglichkeiten volatile, ertragreiche Anlagen zu tätigen, indem sie für eine gesunde Struktur, sprich ein positives Verhältnis von Beiträgen zu Leistungen, bzw. jederzeit genügend Liquidität sorgen.
Auf Pensionskassenebene sind allenfalls Fusionen angesagt, um risikofähige Strukturen zu gewährleisten. Ein risikogerechter Umgang mit Marktschwankungen muss aber auch die einzelnen Versicherten mit einbeziehen, weil Pensionskassen nach Stellenwechseln immer noch gezwungen sind, ihre Gelder zu Unzeiten untereinander sinnlos zu verschieben. Ein- und Austritte sind die Leidtragenden von Vermögensschwankungen und benötigen Schutz vor Übervorteilungen. Bei Unter- und Überdeckung erfolgen willkürliche Umverteilungen, solange und soweit die Versicherten nicht selbst über die Verwendung ihrer Freizügigkeitsleistungen entscheiden können.
Herbert Brändli ist Betriebswirtschafter und Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer der B+B Vorsorge AG und Verwaltungsratspräsident der B+B Holding AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten.
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