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Altern und Altersvorsorge sind keine Versicherungsfälle

Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in stocks.ch (Experten-Kolumne), 24. September 2010. Link stocks.

Versicherungsgesellschaften erfinden immer neue Produkte, um an Pensionskassengelder zu gelangen mit denen sie auf Kosten der Versicherten ansehnliche Gewinne für ihre Aktionäre erzielen möchten. Neben den Zins- und Anlagerisiken haben sie die zunehmende Lebenserwartung, ein Indiz für höheren Wohlstand, zu einem Hauptrisiko der Pensionskassen erhoben und bieten gegen teures Geld deren Steuerung im eigenen Portfolio an.

Historische Ereignisse wie Kriege und Klimaänderungen vor allem aber Qualität und Quantität von Nahrung, Krankheiten, Hygiene und medizinischer Versorgung prägen den Wohlstand von Gemeinwesen. Fortschritt und Entwicklung spiegeln sich in einfachen, biometrischen Merkmalen, wie Körpergrösse und Lebenserwartung. Diese Indikatoren sind unter Fachleuten sogar aussagekräftiger als die anerkannten Kennzahlen Bruttosozialprodukt und Pro-Kopf-Einkommen.

Grössere und dickere Einwohner zeigen, dass der Wohlstand der Schweizer Bevölkerung seit geraumer Zeit stetig wächst. Gemessen am Bruttosozialprodukt pro Kopf hat die Steigerung seit 1985 fünfzig Prozent betragen. Dieses Wachstum birgt Probleme, weil die Produktion von Gütern vielfach auf veraltete biometrische Daten ausgerichtet ist. Unter anderem sind Textil-, Schuh-, (Büro)Möbel- und Autoindustrie gefordert. Sie begegnen der Herausforderung mit Angebotserweiterungen und neuen Produkten. Um mit der Entwicklung Schritt zu halten, werden ganze Sortimente angepasst und teilweise komplett umgestellt. Niemandem käme es dabei in den Sinn, eine Versicherung auf die Zustandsänderung abzuschliessen.

Die Vorsorgeindustrie hätte dagegen leichtes Spiel. Sie berechnet ihre Pensionsverpflichtungen mit biometrischen Daten, also beispielsweise den Wahrscheinlichkeiten zu sterben, die sie aus Beobachtungen und Statistiken gewinnt. Diese technischen Grundlagen müssen regelmässig erneuert werden, da sich die Sterbewahrscheinlichkeiten und damit die Lebenserwartung laufend ändern. Seit 1985 ist Letztere um etwa 2 Jahre angestiegen und verlangt bei der Pensionierung, im Vergleich zu den Altersguthaben, rund 10 Prozent mehr Deckungskapital.

Für den Aufbau dieser zusätzlichen Reserven stehen pro Versicherten vierzig Jahre zur Verfügung. In dieser Zeit könnten Pensionskassen dem Wachstum der Rentenlaufzeiten beispielsweise mit 0,25 Prozent zusätzlichem Ertrag begegnen. Trotzdem scheint ihnen die Erkenntnis der schon seit zig Jahrzehnten bekannten, fast linear zunehmenden Lebenserwartung schockartig eingefahren zu sein. Stiftungsräte werden von allen Seiten mit drohenden Finanzlöchern verängstigt, falls sie ihre Berechnungsgrundlagen nicht schleunigst korrigieren würden. Im Verein mit Experten und Verwaltern suchen darum heute viele Pensionskassen den Leistungsabbau, statt sich der Herausforderung einer höheren Kapitalbereitstellung zu stellen, welche einigermassen dem zugenommenen Wohlstand entsprechen würde. Mit versicherungsmathematischen Modellberechnungen auf dieser Basis könnten die ursprünglichen Parameter zur Berechnung der gesetzlichen Minimalleistungen ohne Weiteres Bestand haben.

Leider passt die bewährte Praxis von zusätzlichen Reserven nicht in die heute gängigen stupiden finanzmathematischen Modelle. Dafür wird die längere Lebenserwartung zu einem Hauptrisiko der Pensionskassen erklärt. Bereitwillig stehen Versicherungsgesellschaften bereit, welche diese sogenannten Langleberisiken liebend gerne übernehmen und damit für ihre Aktionäre Gewinne schöpfen möchten. Allerdings können sie grundsätzlich auch nichts anderes tun, als die notwendigen Kapitalien für die zusätzlichen Rentenzahlungen bereitstellen. Hiezu verwalten sie auf Kosten der Versicherten im Rahmen ihrer rechtlich begrenzten Möglichkeiten einen Teil der Sparbeiträge. Unter ihrer Ägide müssen sich die Pensionskassen neben der Versicherungsmarge und den Verwaltungskosten wegen eng begrenzten Anlagehorizonten auch noch sehr niedrige Erträge anrechnen lassen.

Herbert Brändli ist Betriebswirtschafter und Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer und Leiter der B+B Vorsorge AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten. Zurück

 


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